Besinnliches: Gedichte und weitere Texte

Der Umzug

Ich bin umgezogen. Ihr übrigens auch - neulich Nacht!
Aus dem alten, bekannten Haus in ein neues, noch völlig fremdes.
Noch hat dieses Haus nur eine Zahl, an die wir uns auch erst gewöhnen müssen - 2004. Und auch wenn wir mit unseren vielen festgeschriebenen Plänen ganz anders tun - in Wahrheit kennen wir noch keinen einzigen der Räume in diesem Haus. Wir können sie uns noch nicht mal aussuchen und werden uns doch in ihnen einrichten müssen.
Da bin ich nun, auf der Schwelle zum Neuen mit meiner Umzugskiste. Was habe ich nicht alles mitgenommen! Vieles, was ich zum Leben brauche, natürlich. Und einiges, vielleicht ohne praktischen Nutzen, aber es gehört doch zu mir, zu meiner Geschichte: Erinnerungen, Begegnungen. Aber da ist auch manches in meiner Kiste ungeordnet, abgebrochen, belastend. Vielleicht ist ja jetzt gerade noch Zeit zum Sortieren, aber auch zum Wegwerfen. Bevor ich mich wieder unnötig einenge im neuen Haus.
Viel nehme ich mit bei diesem „Wandern von einem Jahr zum andern“. Vor allem auch mich selbst, meine Pläne und Träume - auch meine Ängste.
Dabei ist meine Umzugskiste hier trotz allem noch recht leicht. Da gibt es andere hier im Eingang zum neuen Jahr, die sind fast zu schwer zum Tragen, und trotzdem können sie nicht einfach zurückgelassen werden. Bis oben hin voll sind sie mit Sorgen um Krankheit oder Tod, mit Ängsten, Schmerz und Leid.
Auf meiner Kiste hier steht: “Umzug ist Vertrauenssache“. Ich finde da ist was dran! Mit allem, was zu mir gehört, möchte ich gut aufgehoben sein. Das gilt auch für meinen Umzug ins neue Jahr - wenn ich nicht weiß, ob die unbekannten neuen Räume mich freundlich oder feindlich empfangen, ob ich mich in ihnen zuhause fühlen kann, oder fremd bleibe. Deshalb nehme ich in meinen vielen Kisten auch Hoffnungen mit, Worte, Glauben und Liebe. Ich sollte gleich mal nachsehen, in welche Kisten ich die denn verpackt habe.
Denn: „Umzug ist Vertrauenssache“. 

Der Wanderer

In der persischen Mystik wird von einem Wanderer erzählt, der mühselig auf einer schier endlos langen Straße entlang zog. Er war über und über mit Lasten behangen. Ächzend und stöhnend bewegte er sich Schritt für Schritt vorwärts, beklagte sein hartes Schicksal und die Müdigkeit, die ihn quälte. Auf seinem Weg begegnete ihm in der glühenden Mittagshitze ein Bauer. Der fragte ihn: „Oh, müder Wanderer, warum belastest du dich mit diesen Felsbrocken?“ – „Zu dumm“, antwortete der Wanderer, „aber ich hatte sie bisher noch nicht bemerkt.“ Darauf warf er die Brocken weit weg und fühlte sich viel leichter. Wiederum kam ihm nach einer langen Wegstrecke ein Bauer entgegen, der sich erkundigte: „Sag, Wanderer, warum plagst du dich mit einem halbfaulen Kürbis auf dem Kopf und schleppst an den Ketten so schwere Eisengewichte hinter dir her?“ Es antwortete der Wanderer: „Ich bin froh, dass du mich darauf aufmerksam machst; ich habe nicht gewusst, was ich mir damit antue.“ Er schüttelte die Ketten ab und zerschmetterte den halbfaulen Kürbis im Straßengraben. Wieder fühlte er sich leichter. Doch je weiter er ging, desto mehr begann er wieder zu leiden. Ein Bauer, der vom Feld kam, betrachtete den Wanderer erstaunt: „Oh, guter Mann, du trägst Sand in deinem Rucksack, doch was du dort in der Ferne siehst ist mehr Sand, als du jemals tragen könntest. Und wie groß ist dein Wasserschlauch – als wolltest du die Wüste Kawir durchwandern. Dabei fließt neben dir ein klarer Fluss, der deinen Weg noch weit begleiten wird!“ – „Dank dir Bauer, jetzt merke ich, was ich mit mir herumgeschleppt habe.“ Mit diesen Worten riss der Wanderer den Wasserschlauch auf, dessen brackiges Wasser auf dem Weg versickerte, und füllte mit dem Sand aus dem Rucksack ein Schlagloch. Er blickte an sich herab, sah den schweren Mühlstein um seinen Hals und merkte plötzlich, dass es der Stein war, der ihn noch so gebückt gehen lies. Er band ihn los, und warf ihn, so weit er konnte, in den Fluss hinab. Frei von seinen Lasten wanderte er durch die Abendkühle, eine Herberge zu finden.

Für alles gibt es eine Stunde

Für alles gibt es eine Stunde,
und eine Zeit gibt es für alles Geschehen unter dem Himmel:
Eine Zeit zu Weinen und eine Zeit zum Lachen,
eine Zeit des Klagens und eine Zeit des Tanzens,
eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit sich vom Umarmen zu lösen,
eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen,
eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Gebären
und eine Zeit zum Sterben.  

(Prediger)  

Zum neuen Jahr

Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann, stehe – soweit ohne Selbstaufgabe möglich – in freundlicher Beziehung zu allen Menschen. Äußere Deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu, auch den Geistlosen und Unwissenden, auch sie haben ihre Geschichte. Meide laute und aggressive Menschen, sie sind eine Qual für den Geist. Wenn Du Dich mit anderen vergleichst, könntest Du  bitter werden und Dir nichtig vorkommen, denn immer wird es jemand geben, größer oder geringer als Du. Freue  Dich Deiner eigenen Leistungen wie auch Deiner Pläne. Bleibe weiter an Deiner eigenen Leistung interessiert, wie auch immer. Sie ist ein echter Besitz im wechselnden Glück der Zeiten.

In Deinen geschäftlichen Angelegenheiten lass Vorsicht walten, denn die Welt ist voller Betrug. Aber dies soll nicht blind machen gegen gleichermaßen vorhandene Rechtschaffenheit. Viele Menschen ringen um hohe Ideale und überall ist das Leben voller Heldentum. Sei Du selbst, vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung. Noch sei zynisch, was die Liebe betrifft, denn auch im Angesicht aller Dürre und Enttäuschung ist sie doch immerwährend wie das Gras. Ertrage freundlich gelassen den Ratschluss der Jahre, gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf.

Stärke die Kraft des Geistes, damit sie Dich im plötzlich hereinbrechenden Unglück schütze. Aber beruhige Dich nicht mit Einbildungen. Viele Befürchtungen sind Folgen von Erschöpfungen und Einsamkeit. Bei einem heilsamen Maß an Selbstdisziplin sei gut zu Dir selbst. Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und die Sterne, Du hast ein Recht hier zu sein. Und ob es Dir nun bewusst ist oder nicht: zweifellos entfaltet sich das Universum wie vorgesehen.

Darum lebe in Frieden mit Gott, was für eine Vorstellung Du auch von ihm hast und was immer Dein Mühen und Sehnen ist. In der lärmenden Wirrnis des Lebens erhalte Dir den Frieden mit Deiner Seele. Trotz all ihrem Schein, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist diese Welt doch wunderschön. Sei vorsichtig. Strebe danach glücklich zu sein.

(Aus der alten St. Pauls Kirche, Baltimore. Von 1692)

Dienen

Ich schlief und träumte, Leben sei Freude.
Ich erwachte und fand, Leben ist dienen.
Ich handelte und merkte, Dienen ist Freude.

(Tagore) 

Der alte Mann und sein Pferd

- eine Geschichte aus dem alten China –

Die folgende Geschichte trug sich zur Zeit Laotses in China zu, und Laotse liebte sie sehr:

Ein alter Mann lebte in einem Dorf, sehr arm, aber selbst Könige waren neidisch auf ihn, denn er besaß ein wunderschönes weißes Pferd. Die Könige boten phantastische Summen für das Pferd, aber der Mann sagte dann: „Dieses Pferd ist für mich kein Pferd, sondern ein Freund. Und wie könnte man seinen eigenen Freund verkaufen?“ Der Mann war arm, aber sein Pferd verkaufte er nie.

Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich, und die Leute sagten: „Du dummer alter Mann. Wir haben gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen würde. Es wäre besser gewesen, es zu verkaufen. Welch ein Unglück! Welch ein Unglück! Nein!“  Der alte Mann sagte: „Geht nicht so weit, das zu sagen. Sagt einfach: ‚Das Pferd ist nicht im Stall‘. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen, weiß ich nicht.“ Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war. Aber am nächsten Tag kehrte das Pferd plötzlich zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte auch noch ein Dutzend wilder Pferde mit. Wieder versammelten sich die Leute, und sie sagten: „Alter Mann, du hattest recht. Es war kein Unglück, es hat sich tatsächlich als ein Segen erwiesen.“ Der Alte entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach: ‚Das Pferd ist zurück.‘ Wer weiß, ob das ein Segen ist oder nicht?“

Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn, der begann, die Wildpferde zu trainieren. Schon eine Woche später fiel er vom Pferd und brach sich die Beine. Wieder versammelten sich die Leute. Sie sagten: „Wieder hattest du recht! Es war ein Unglück. Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen, und er war die einzige Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor. So ein Unglück! So ein Unglück! Nein!“ Der Alte antwortete: „Geht nicht so weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Das Leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nie zu sehen.“

Es ergab sich, dass das Land nach ein paar Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise zum Militär eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war. Der ganze Ort war von Klagen und Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war und man wusste, dass die meisten jungen Männer nicht nach Hause zurückkehren würden. Sie kamen zu dem alten Mann und sagten: „Du hattest recht, alter Mann – es hat sich nicht als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir. Unsere Söhne sind für immer fort.“ Der alte Mann antwortete wieder: „Ihr hört nicht auf zu urteilen. Niemand weiß! Sagt nur, dass man eure Söhne in die Armee eingezogen hat und dass mein Sohn nicht eingezogen wurde. Doch nur Gott, der das Ganze kennt, weiß, ob dies ein Segen oder ein Unglück ist.“

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Der Partner ist tot. Die Trauer unermesslich.
Zwei Witwen erzählen, was Trauernden hilft - und womit man sie verschonen sollte

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